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Professor Dr.
Dr. Dr. Augustus van Dusen ist ein Universalgenie. Nicht nur, dass er
einer der größten Wissenschaftler seiner Zeit ist - seine Zeit,
das ist die um 1900 - er ist auch ein berühmter Detektiv und gehört
in eine Reihe mit Sherlock Holmes, Hercule Poirot oder Lord Peter Wimsey.
Seine universellen Kenntnisse in den Naturwissenschaften - außer
Physik, Biologie, Chemie hat er auch sämtliche Bereiche der Humanmedizin
studiert, kennt sich in Geologie, Archäologie, Ägyptologie sehr
gut aus - wendet er gezielt zur Klärung der unterschiedlichsten Kriminalfälle
an. Wobei der die Bezeichnung „Detektiv“ als zu profan ablehnt
und sich lieber “Kriminologe, Amateurkriminologe“ nennt. Er
ist die Titelfigur in der Kriminalhörspiel-Reihe von Michael Koser,
die im „Krimi zur guten Nacht“ bei MDR KULTUR einmal im Monat,
meist am letzten Sonntag, zu hören ist. Am 24. April feiert Michael
Koser seinen 65. Geburtstag. Bis zu seinem 23. Lebensjahr war er DDR-Bürger,
lebte ab 1961 in Westberlin, nun seit vielen Jahren in Wilhelmshaven.
Studiert hat Koser Geschichte, Germanistik und Politische Wissenschaften,
danach begann er zu schreiben. Neben der van-Dusen-Reihe haben ihn vor
allem die Hörspielserien „Der letzte Detektiv“ und „Cocktail
für Zwei“ bekannt gemacht. Aus Anlass seines Geburtstages führte
Ulrich Griebel das folgende Gespräch mit ihm.
Griebel:
Herr Koser, die van-Dusen-Hörspiele spielen um 1900. Historische
Krimis sind ja relativ selten, wie sind Sie darauf gekommen, gerade solche
Krimis zu schreiben? Und war die Idee für die Serie gleich da?
Koser:
Ich muss ein bisschen ausholen. Ich habe mich immer für Krimis interessiert,
habe alte Krimis gesammelt, nicht nur Conan Doyle, sondern auch unbekanntere
Autoren, und hatte auf einmal in den siebziger Jahren die Idee, aus dieser
Sammlung irgendetwas Radiomäßiges zu machen, weil ich ja beim
Radio gearbeitet habe. Ich suchte ein paar alte Krimigeschichten aus,
die mir gut gefielen, und habe dann dem RIAS Berlin angeboten, aus diesen
Geschichten Krimi-Hörspiele zu machen. Eine dieser Geschichten ging
um Professor van Dusen. Professor van Dusen ist ja nicht auf meinem eigenen
Mist gewachsen, sondern der ist Produkt des amerikanischen Autors Jacques
Futrelle. Und ich habe eine van-Dusen-Geschichte zu einem Krimi-Hörspiel
verarbeitet, ziemlich frei. Ich war nie ein guter Bearbeiter. Und ich
habe nie die Sachen genau übernommen, sondern habe das dann so gemacht,
wie ich das für gut und für richtig hielt. Und diese eine Geschichte
kam sehr gut an. Und daraufhin habe ich dann weitere van-Dusen-Geschichten
bearbeitet, insgesamt fünf, die von Futrelle geschrieben wurden.
Dann gingen die Geschichten aus. Futrelle hat zwar eine ganze Menge Geschichten
geschrieben, aber die allermeisten sind entweder generell nicht gut oder
nicht gut audiomäßig umzusetzen. Und dann habe ich angefangen,
mit der Figur, die ja nun schon mal da war, zu spielen und ihr eigene
Geschichten zu schreiben. Und auf einmal hatten wir eine Hörspiel-Reihe,
ohne dass das irgendwie von Anfang an jemand wollte oder geplant hatte.
Griebel:
Aber es fällt ja auf, dass jede einzelne Folge sich ganz konkret
an einem ganz gestimmten Handlungstag oder an zwei Tagen abspielt und
das Bezug genommen wird auf frühere Folgen. Das heißt, man
hat den Eindruck, sie sind in chronologischer Reihenfolge geschrieben
worden. Das ist offenbar aber nicht der Fall.
Koser:
Es war so: Die ersten 24 Folgen sind chronologisch geschrieben und hintereinander
produziert und gesendet worden. Mit der 24. Folge starb Prof. van Dusen
in San Francisco 1906 beim Erdbeben. Er versank in die Erde, und seine
letzten Worte waren: „2 + 2 ist 4“. Und das war ein so schöner
Tod, dass ich den nicht wieder rückgängig machen wollte. Diese
24. Folge war überhaupt als Testfolge gedacht. Nicht nur ich, auch
der Sender, die Redakteurin, der Regisseur, wir wussten nicht so gut,
wie die ganze Geschichte überhaupt ankommt. Sie war damals ungefähr
drei Jahre gelaufen. Und daraufhin hatte ich die Idee, die mein großer
Kollege Conan Doyle ja auch schon mal hatte, den Helden einfach umzubringen.
Und ich wollte sehen und hören, ob es darauf irgendwelche Reaktionen
bei den Hörern gibt. Ich dachte, wenn die Serie bisher gut angekommen
ist, dann müssen sie sich melden und müssen sich irgendwie dazu
äußern. Das taten sie dann wie wir es nie geglaubt und für
möglich gehalten hatten. Und der Haupttenor war: „So geht das
nicht! Die Serie darf nicht aufhören, sie muss weiter laufen. Und
da nun aber van Dusen tot war, blieb mir nichts anderes übrig, als
ihm neue Geschichten zu schreiben, die zeitlich vorher passiert sind.
Das war ziemlich eng, denn der erste Fall, der auch so betitelt ist, „Professor
van Dusens erster Fall“, spielte 1898, und der letzte Fall, der
Tod von Dusens, wie gesagt 1906. Es waren also acht Jahre. Und da dacht
ich, gut, dann machen wir noch ein paar Folgen, die kriegen wir noch irgendwo
reingequetscht in diese Zeitspanne. Ja, und dann wurden es noch 53 Folgen,
die alle in dieser eng umgrenzten Zeit spielen. Deswegen - nicht nur,
weil der Professor so ein kluger Mensch ist, sondern auch, weil ich zeitlich
etwas unter Druck war - muss er seine Fälle immer ganz furchtbar
schnell lösen. Meist schafft er es ja in ein bis zwei Tagen, dann
ist die Sache ausgestanden, und er kann sich wieder anderen Dingen widmen,
vor allen Dingen seiner atomarem Strukturtheorie, an der er immerzu herumknabbelt.
Ich weiß übrigens selbst nicht, was das ist. Ich bin schon
von den Hörern gefragt worden, worum es da geht. Ich kann immer nur
auf den Professor selber verweisen.
Griebel:
Eine immer wieder interessierende und irritierende Frage: Was ist nun
eigentlich an den wissenschaftlichen, kriminologischen, kriminaltechnischen
und naturwissenschaftlichen Problemen und Lösungswegen, die er da
benutzt, fiktiv, und was ist real?
Koser:
Also normalerweise sind die wissenschaftlichen und vor allem die kriminologischen
Dinge, die vorkommen, real, Das heißt, sie beziehen sich auf tatsächlich
wissenschaftliche Dinge, die zu dieser Zeit gerade im Schwange waren bzw.
erfunden wurden. Manchmal eilt der Professor ein bisschen voraus, so dass
er schon den Computer erfindet, allerdings ohne es praktisch zu demonstrieren.
Das ist ein Gag. Aber gerade die Kriminaltechnik, die darin vorkommt,
beruht auf Tatsachen. Da habe ich also dann wirklich dicke Bücher
gewälzt, damit das alles stimmt. Ein paar Fehler sind mir auch unterlaufen,
naturwissenschaftliche Fehler. Ich bin selbst kein Naturwissenschaftler
und schwimme eigentlich immer doch ziemlich herum und muss dann Fachleute
fragen oder Bücher konsultieren. Und da kann es natürlich schon
einmal passieren, dass die eine oder andere Sache daneben geht. Darauf
haben mich die Hörer aber dann immer sofort aufmerksam gemacht.
Griebel:
Die Sprache in der Van-Dusen-Serie ist anders al in anderen Krimis. Nun
gut, die Handlung spielt nun fast schon eine oder zwei Generationen vor
uns. Es ist der Versuch, die Sprache der damaligen Zeit einzufangen. Aber
wo kriegt man die Sprache der Zeit her? Selbst wenn sie denn so gewesen
wäre, was ich gar nicht glaube, sondern ich glaube, dass das auch
eine Kunstebene ist.
Koser:
Ganz sicher.
Griebel:
Aber woher haben Sie den Grundtenor, den Grundton für die Sprache
in den van-Dusen-Krimis?
Koser:
Nun, ein bisschen aus alten Krimis, Krimis die so am Ende des 19., Anfang
des 20. Jahrhunderts geschrieben wurden, wo die Detektive so etwas waren
wie Supermänner und immer vom hohen Thron herab ihre Erkenntnis preisgaben.
Da kommt das ein bisschen her, am Anfang jedenfalls. Auch der Prof. van
Dusen bei Futrelle drückt sich etwas gestelzt aus. Aber das hat sich
nachher selbständig gemacht. Und das liegt auch an Friedrich W. Bauschulte,
der ihn spielt, ich habe mir immer ihn vorgestellt und habe ihm dann diese
Sachen in den Mund geschrieben. Es ist dann einfach auch für mich
ein Spaß geworden. Und die Sprache ist ja im Lauf der Folgen, glaube
ich, immer elaborierter und gestelzter und künstlicher geworden.
Ich hätte von Anfang an gedacht, dass die Hörer das gar nicht
so gerne haben, aber gerade diese Sprache - das habe ich gemerkt - kommt
gut an. Im Gegensatz dazu habe ich natürlich den Hutchinson Hatch
gesetzt, der ja ein wenig anachronistisch ist. Also der spricht nun gar
nicht die Sprache des beginnenden 20. Jahrhunderts, der Belle Époque,
sondern er spricht eigentlich die Sprache von heute. Das sollte er auch
ganz bewusst, damit der Professor so ein Gegengewicht bekommt, damit das
nicht nur alles mit Fremdworten und furchtbar langen und komplizierten
Sätzen gespickt ist - absolut rundfunkungeeignet, hätte man
früher wahrscheinlich gesagt. Hatch ist an sich meine Lieblingsfigur.
Prof. van Dusen habe ich nie leiden können. Und auch im Lauf der
Jahre habe ich mich eigentlich nie richtig führ ihn erwärmen
könne. Er ist so künstlich, und er ist so kalt und so weit weg
und so distanziert. Also ich habe einfach keine Begeisterung führ
ihn entwickeln können. Dagegen Hatch ist ein Mensch wie du und ich.
Er darf auch Angst haben. Er darf Hunger haben. Er darf sich beschweren.
Er darf eigentlich ganz normal reagieren. Aber wenn Hatch alleine da wäre,
wäre es natürlich keine Geschichte.
Griebel:
Wie sehen Sie die Umsetzung Ihrer Manuskripte durch die Regie, die Schauspieler,
den Einsatz von Musik und Geräuschen?
Koser:
Was die Regie angeht, Rainer Clute war ja von Anfang an dabei - mit einer
Ausnahme: Der erste van Dusen, der überhaupt produziert wurde, wurde
von einem anderen Regisseur gemacht. Dann hat Rainer Clute übernommen
und ist die ganze Zeit dabei geblieben. Und ich war eigentlich immer seht
angetan von seiner Umsetzung. Dass er die ja auch etwas altmodischen Geschichten
auch in einer altmodischen - im positiven Sinne - Verpackung serviert
hat, dass er sich Zeit gelassen hat, den Schauspielern Zeitgelassen hat,
dass er sehr viel Musik verwendet hat, sehr besondere Musik, was ja so
eine art Markenzeichen für ihn war. Also es gibt wenig Dinge, die
ich auszusetzen habe. Wir haben uns, glaube ich, nie gestritten in dieser
ganzen Zeit der Zusammenarbeit, hatten manchmal natürlich Meinungsverschiedenheiten.
Wir haben alle Manuskripte besprochen, vor der Produktion gemeinsam besprochen,
und auch die Besetzung. Ich habe mitgeredet, auch wenn das natürlich
in erster Linie seine Sache war. Und ich fand, dass Rainer Clute ein Glücksfall
für die ganze Reihe ist. Und van Dusen wäre nicht das, was er
ist, wenn es diesen Regisseur nicht gegeben hätte.
Griebel:
Die vielen Fälle, die Prof. Van Dusen zu lösen hat, sind von
ganz unterschiedlicher Machart. Die sind mal logisch-kriminalistisch aufgebaut,
mal sind sie mehr abenteuerlich angelegt. Aber was die Kreuzworträtselfälle
betrifft, die also dem Hörer die Möglichkeit des Mitdenkens
und des Mitkombinierens geben - Sie sind so aufgebaut, dass man auch wirklich
drauf kommen könnte. Wollten Sie, dass der Hörer mitgehen kann,
bestimmte Schritte mitvollziehen kann und vielleicht auch dem Professor
schon mal - obwohl er ja der berühmteste Amateurkriminologe der Welt
ist - ein bisschen vorauseilen kann?
Koser:
Es gehört eigentlich zu den Spielregeln des klassischen Krimis, dass
man dem Leser/Hörer nichts verschweigen darf. Also man darf, man
kann ihn zwar auf eine falsche Fährte locken - Aber man muss ihm
alle Fakten liefern, die auch der Detektiv hat. Und ich habe mich bemüht,
das auch zu tun. Ich glaube, nicht in allen Fällen, manchmal habe
ich ein wenig unterdrückt oder verheimlicht. Ich hoffe allerdings,
dass niemand dem Professor so auf die Schliche gekommen ist, dass er vor
ihm die Sache herausgekriegt hat. Im Grunde soll der Hörer sich zwischen
dem Professor und Hatch befinden. Hatch ist ja ein netter Dussel. Also
er kriegt so gut wie nie was raus und steht immer hilflos da, wenn der
Professor irgendwo kryptisch irgendwas äußert. Und ich habe
immer gehofft, dass der Hörer zwar dann besser ist als Hatch und
schon so ein bisschen sieht, wo der Hase hinläuft, aber die genauen
Dinge, die Einzelheiten, die Details, die Spuren und wie sie von wem gelegt
wurden, dann doch als Überraschung erfährt. Mitarbeiten gerne,
aber bitte nicht rauskriegen.
Griebel:
Mich interessiert die Rolle von Satire und Ironie in den Stücken.
Ist das von vornherein der Blickwinkel gewesen, unter dem Sie die Figuren
gesehen haben, unter dem Sie die Geschichten gesehen haben? Oder ist das
sukzessive im Laufe der Folgen hinzugekommen?
Koser:
Das war von Anfang an da, auch beim Professor. Van Dusen bei Futrelle
ist eine Figur, die der Autor tatsächlich ernst genommen hat. Er
ist tatsächlich ein großer Wissenschaftler. Und ich habe ihn
von Anfang an ein bisschen überzogen. Also es kommen parodistische
Züge hinein. Allerdings habe ich mich bemüht, zu balancieren
- das ist ganz schwer - einerseits zwischen dem Parodistischen und andererseits
zwischen dem wirklichen Krimi. Also eine Parodie alleine ist nicht spannend,
kann gar nicht spannend sein. Ein Krimi muss es sein. Aber die Umstände,
die Figuren sind überzogen. Satire kommt auch hinein, „Dr.
Tschu Man Fu“ ist eine antikolonialistische Satire. Das kommt immer
wieder, habe ich jetzt gemerkt beim Weiderlesen, hatte ich gar nicht so
beabsichtigt, war aber tatsächlich so. Also es kommen halt auch mal
gesellschaftskritische Dinge rein. Im Grunde sollten die Geschichten für
alles offen sein. Ich habe mich bemüht, sehr viele Mythen der Trivialliteratur
- und ich habe mich damit immer beschäftigt, auch wissenschaftlich
- in die van-Dusen-Reihe einzubauen, aber nicht ernst und gewichtig daherschreitend,
sonder eben locker, ironisch, satirisch, parodistisch, ohne dass die Geschichte,
der Krimi, der Plot darunter leidet.
Griebel:
Häufig ist es ja so, dass Hörspielleute, Radioleute insgesamt,
wenig über die Wirkung ihrer Arbeit erfahren. Das wird über
den Sender ausgestrahlt und ist weg. Mal gibt es Umfragen, aber relativ
selten. Was wissen Sie Über die Wirkung der van-Dusen-Serie? Wenn
man heutzutage, da die Serie eigentlich abgeschlossen ist und nur noch
in einigen Sendern wie bei uns in der Wiederholung läuft, ins Internet
guckt, findet man eine Menge. Auf das Stichwort van Dusen wirft die Suchmaschine
sehr viele Seiten aus. Das bedeutet, irgendwie lebt die Serie noch. Und
es muss Fans geben, die sich weiter damit beschäftigen und sogar
Arbeit in solche Internet-Auftritte stecken. Allgemein gefragt, was wissen
Sie über die Wirkung zu den Zeiten, als die Serie noch in Arbeit
war, und über die Wirkung heute?
Koser:
Es gab damals öffentliche Veranstaltungen, im großen Sendestudio
des RIAS, das immer knüppeldicke voll war. Vorher hatte das auch
keiner so richtig erwartet. Was kommt beim Hörspiel denn schon groß
zusammen, aber es kamen Hunderte von Leuten. Dann wurde tatsächlich
- und das hat es, glaube ich, beim Rundfunk, beim Hörspiel noch nie
gegeben - ein Fan-Club gegründet, den es immer noch gibt, der im
Internet sehr aktiv ist. Es gab Telefonate, es gab Post. Jetzt gibt es
hauptsächlich E-Mails. Es gibt eine eigene van-Dusen-Website. Dann
haben Fans, ohne mich vorher zu fragen, auch unter meinem Namen eine Website
eingerichtet. Auch habe das dann hinterher sanktioniert. Das war schon
in Ordnung. Es gab und gibt also erstaunlich viele Reaktionen. Der Seriencharakter
hängt sicher damit zusammen. Auf ein einzelnes Hörspiel würde
man so einen Response nicht kriegen, auch nicht erwarten können.
Viele Fans haben mir gesagt, geschrieben, dass sie van Dusen als Lebenshilfe
sehen, dass, wenn van Dusen sagt „Nichts ist unmöglich“,
dass das für sie dann auch die Maxime ihres Handelns wurde. So habe
ich das nie gedacht, an sich ist dieser Spruch natürlich rein überzogen.
Oder sie sagen, sie hätten unglaublich viel gelernt über Geschichte
und Geographie, weil ja diese Dinge immerzu eine Rolle spielen. Sie hätten
dann nachgeschlagen. In van-Dusen-Kompendien, die man im Internet nachlesen
und sich runterladen kann, ist dann jede einzelne Geschichte genau darauf
untersucht worden, wo sie spielt, wann sie spielt, welche historischen
Figuren darin vorkommen usw. usf. - eine Arbeit, die ich ganz erstaunlich
finde, die das weit überschreitet, was ich vor diesen Sendungen gemacht
habe, obwohl ich nun auch als Historiker anständig recherchiert habe,
bevor ich irgendwas geschrieben habe.
Griebel:
Würden Sie sagen, van Dusen ist unter den Krimis noch mal eine besondere
Kategorie, was die Wirkung betrifft?
Koser:
Ich glaube, dass es im modernen Rundfunk, also im Rundfunk noch dem 2.
Weltkrieg, keine Reihe von 77 Folgen gegeben hat von jeweils einer Stunde
oder einer knappen Stunde, die sich über einen so langen Zeitraum
halten konnten. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn es eben
nicht diese Hörerbegeisterung gegeben hätte und immer noch gäbe.
Ich weiß, dass Deutschland-Radio immer noch von den Fans betrommelt
wird, van Dusen fortzusetzen oder doch wenigstens zu wiederholen.
Griebel:
Und dass es ein großes Bedürfnis gibt, Folgen, die die Fans
nicht mitschneiden konnten, als sie gesendet wurden, nun irgendwie veröffentlicht
zu sehen auf käuflichen Tonträgern. Aber das hängt ja wohl
immer noch an irgendwelchen rechtlichen Fragen?
Koser:
Ja, das wird mir dann gesagt vom Deutschland Radio, die ja verantwortlich
sind für Professor van Dusen als Nachfolgesender von RIAS Berlin.
Ich habe natürlich darauf gedrückt, und die Fans verlagen das
ja auch immer wieder, dass es van Dusen in einer Höredition gibt
als CD-Sammlung zum Beispiel. Der Sender erklärt, dass es zu schwierig
sei und zu teuer. Es gäbe zu viel recht abzulösen, speziell
Musikrechte. Das sei nicht praktikabel. Und deswegen könne er leider
keine CDs veröffentlichen, entweder allein oder zusammen mit einem
Hörverlag. Ja, ich kann leider als Autor nichts dagegen machen. Ich
würde mich freuen, wenn es nun endlich mal klappen würde.
Griebel:
Ich würde gerne noch etwas zu Ihrer Biographie als Autor erfahren.
Ich weiß, dass Sie hauptsächlich fürs Radio gearbeitet
haben und nur ganz selten ausgebüxt sind in andere Bereiche.
Koser:
Also ich bin zum Radio gekommen, ohne dass ich es selber unbedingt wollte.
Das war eine Zufallsgeschichte. Ich hatte studiert, schrieb an meiner
Doktorarbeit, und mein Doktorvater wurde angesprochen von einem Sender,
dem Süddeutschen Rundfunk, ob er nicht über sein Fachgebiet
Schulfunksendungen machen wolle. Und das wollte er nicht, aber er hat
dann seine Doktoranden damit beauftragt. Und dann schrieb ich zwei Sendungen,
und auch andere schrieben welche. Und die Redakteurin beim Süddeutschen
Rundfunk sagte mir dann: „Was Sie geschrieben haben, war das weitaus
Beste. Hätten Sie nicht Lust, noch mehr für uns zu machen?“
Ja, ich hatte schon Lust. Das war schönes Geld damals für einen
Studenten, der vom Stipendium lebte und von Arbeiten in den Ferien. Und
dann schrieb ich also Schulfunk, das machte mir Spaß, dann kam ich
zu anderen Sendern, schrieb weiterhin Schulfunk, krempelte mit ein paar
Autoren den Schulfunk beim RIAS total um. Wir haben da die alten Zöpfe
abgeschnitten, rausgeschmissen und neue Sachen gemacht, neue Hörspielformen,
Featureformen eingebracht. An Hörspiel dachte ich relativ spät.
Das kam erst in den siebziger Jahren. Auf Aufforderung eigentlich von
Redakteuren und Regisseuren schrieb ich dann mal ein Hörspiel, das
war so ein Kunsthörspiel, wie es damals üblich war, mit Musik,
eine Art Rock-Oper, die großen Erfolgt hatte, bei fast allen Sendern
lief. Und dann schrieb ich noch sowas. Und dann hatte ich keine Lust mehr.
Das waren so Geschichten ohne richtigen Anfang, ohne richtiges Ende. Ich
verstand sie selber nicht und die Hörer wahrscheinlich auch nicht.
Aber das war damals das, was en vogue war im Hörspiel. Und dann schrieb
ich eine Zeit lang überhaupt keine Hörspiele, nur Features,
bis ich auf die Idee kam, Krimis zu schreiben. Das war Ende der Siebziger,
da wurde van Dusen geboren. Dann habe ich in den achtziger Jahren den
„Letzten Detektiv“ erschaffen, der seitdem im Bayerischen
Rundfunk läuft und es auch schon auf 40 Folgen gebracht hat. Ich
habe festgestellt, dass mir die Serienproduktion liegt. Das heißt,
wenn ich mir Figuren ausdenke und Handlungsräume und Zeiten, dass
ich es schade finde, mit einer Geschichte das ganze Pulver zu verschießen,
und dann bemühe ich mich Dinge so zu entwickeln, dass sich mehrer
Folgen tragen. Dass es allerdings 77 Folgen werden wie bei van Dusen,
das war nie vorhersehbar.
Griebel:
Sind Sie mit dem Medium Radio als Arbeitsfeld ausgelastet, ausgefüllt,
zufrieden? Sie haben nicht die Absicht, irgendwann aufzuhören damit?
Koser:
Nein, obwohl ich mich auch in anderen Medien ein bisschen umgesehen habe,
z. B. beim Fernsehen. Ich habe eine Buchserie herausgegeben. Und gerade
in diesem Jahr habe ich ein Buch zu Ende geschrieben, was ich gerade bei
einem Verlag unterzubringen suchen, ein Jugendbuch übrigens. Aber
ich war immer beim Radio. Ich war sehr gern beim Radio. Ich habe - das
zeigen ja auch die van-Dusen-Geschichten -, ich habe so etwas wie eine
Cinemascope-Phantasie. Das heißt, ich denke mir sehr komplizierte,
sehr aufwände Geschichten mit vielen Personen aus, die man im Film
zum Beispiel nur mit großer Mühe vielleicht in Hollywood mit
Computertricks umsetzen könnte. Und beim Rundfunk geht das alles
ganz einfach. Mit ein paar Geräuschen im Hintergrund und ein paar
Stimmen und ein bisschen Musik kann man die tollsten Dinge machen. Und
die Hörer können sich das dann richtig vorstellen. Deswegen
bin ich dabei geblieben, bis heute. Und ich will auch dabei bleiben, so
lange der Rundfunk sich nicht so ändert, dass meine Geschichten nicht
mehr gewollt werden.
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